Bei Wind und Wetter im Sattel

Ein Interview mit Judith Schelling über das ganzjährige Velopendeln, das Leben ohne zweites Auto und die Freude, von Tür zu Tür mit dem Velo unterwegs zu sein

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Das Interview zum Nachlesen

Judith, magst du dich kurz vorstellen und erzählen, wie du zum Velopendeln gekommen bist? 

Ich bin eigentlich schon immer geradelt – egal, an welchem Ort ich gewohnt habe, das Fahrrad war immer dabei. Mittlerweile bin ich hier im Tal daheim und nutze das Velo, um zur Arbeit zu fahren. Angefangen hat alles über einen Arbeitskollegen, der ganz wilde Velo-Reisen gemacht hat. Vom Schwarzen Meer ist er bis nach Österreich geradelt. Er hat uns dann den Tipp gegeben, einmal die grossen Radwege zu bereisen – und so sind wir als Familie zum Velo-Tourismus gekommen. Das hat mich total begeistert. 

Und aus den Ferien wurde dann der Alltag? 

Genau. Wir machen die Velo-Reisen mittlerweile regelmässig, und irgendwann habe ich für mich umgesetzt, dass ich das ganze Jahr lang mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Das mache ich jetzt seit etwa dreieinhalb, fast vier Jahren. 

Du hast in der Familie auch eine grössere Entscheidung getroffen, oder? 

Ja, wir haben aufgrund der Umweltthematik als Familie angefangen, das Ganze grundsätzlich zu überdenken. Und dann haben wir gesagt: Wir verzichten auf ein Auto. Ich habe mir dann auch ganz bewusst eine Arbeitsstelle gesucht, die in der Nähe ist, damit ich wirklich mit dem Fahrrad pendeln kann. Das war kein spontaner Entschluss, sondern eine bewusste Entscheidung dafür, wie wir leben wollen. 

Du fährst ganzjährig, ist das nicht manchmal mühsam? 

«Es gibt gar nicht so viele schlechte Tage, wie ich am Anfang gemeint habe. Es braucht eigentlich nur gute Kleidung.»

Am Anfang hat es mich hin und wieder ordentlich verwaschen, ich war platschnass. Aber dann ist Stück für Stück mein Equipment optimiert worden und es immer etwas dazugekommen – eine richtige Hose, vernünftige Handschuhe, ein gutes Stirnband, was man eben so braucht. Und dann lässt sich das wirklich sehr gut umsetzen. 

Wie fühlt sich das an, wenn du dich morgens bei Graupel und minus fünf Grad aufs Velo schwingst? 

Die Idee, doch einfach ins Auto zu sitzen, gibt es schon. Wenn man rausschaut und Graupelschauer und minus fünf Grad sieht, denkt man kurz: Okay. Natürlich ist es gemütlich, wenn man einsteigt und gleich weg ist. Aber ich habe festgestellt: Es ist eigentlich nur dieser eine Moment, bis man auf dem Velo sitzt. Mit guter Kleidung ist es meistens gar nicht so kalt, und nass wird man auch nicht, wenn man richtig angezogen ist. Ich motiviere mich dann und denke an all die anderen, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs sind. Wenn ich draussen auf der Strasse bin und meine Velo-Kolleginnen und -Kollegen sehe, denke ich: Passt schon, ich bin nicht allein. 

Viele Kinder fahren ja ganz selbstverständlich mit dem Velo zur Schule, für dich ein gutes Beispiel?  

Genau, Schülerinnen und Schüler gehen ja zu Tausenden mit dem Velo, jeden Tag, Jahr für Jahr. Die machen sich darüber keine grossen Gedanken – sie können ja auch noch nicht Auto fahren, sie haben noch keinen Führerschein. Wenn man morgens aus dem Fenster schaut und sieht, dass die schon unterwegs sind, denkt man sich: Dann gehen wir auch. 

Die Velofahrerin Judith Schelling

  • Judith hat dem Zweitwagen abgeschworen und pendelt seit Jahren bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Arbeit.  
  • Dank High-Tech-Regenequipment trotzt sie dem inneren Schweinehund und fliesst täglich von Zuhause zur Arbeit und wieder retour. 
  • Sonnenaufgänge und Vogelgezwitscher sind für sie der richtige Antrieb. 

Was sind die schönen Momente, die du beim Velopendeln erlebst?

Da gibt es so vieles. Die Natur ist das Erste: Sonnenaufgänge sehen, die Vögel zwitschern hören, einfach draussen sein. Und was ich auch besonders schätze, ist das Soziale. Man radelt so dahin und kennt mit der Zeit die Leute, die einen ähnlichen Weg haben. Ein kurzer Gruss unterwegs – das ist schon richtig nett. Das geht im Auto vollkommen verloren. 

Du hast vorhin gesagt, das Velo sei eigentlich unkomplizierter als andere Verkehrsmittel. Wie meinst du das? 

Es ist tatsächlich unkomplizierter, als viele denken. Man ist von Tür zu Tür unterwegs – man parkt direkt vor dem Eingang, lädt den Einkauf ein und fährt wieder heim. Im Winter, falls man keine Garage hat, muss man kein Auto abkratzen, muss nicht zuerst die Standheizung anwerfen, sondern steigt einfach aufs Gefährt und legt los. Diesen Komfort unterschätzt man. 

Wie sieht es auf deinem Arbeitsweg konkret aus – fühlst du dich sicher? 

Ich habe einen vom Strassenverkehr abgetrennten Fahrradweg, das ist sehr angenehm. Aber es kommt schon vor, dass Autos noch schnell vorbeiwollen und Überholmanöver fahren, die eigentlich gefährlich sind, weil bereits Gegenverkehr da ist. Das bringt einen als Velofahrerin durchaus in Bedrängnis. Ich kann ohnehin nicht für jene sprechen, die wirklich lange Strecken haben – da ist die Belastung noch eine ganz andere. 

Was würde aus deiner Sicht die Sicherheit für Velofahrende deutlich verbessern? 

«Fahrradwege müssen einfach sicher sein. Es reicht nicht, sie nur von der Strasse abzutrennen – sie müssen ganz klar als Fahrradwege positioniert sein.»

Ich habe ein paar Jahre in München gelebt, das ist wirklich eine Grossstadt. Dort gibt es den Fahrradweg, den Gehweg und die Strasse – alle drei Parteien sind sauber voneinander getrennt. Und die Autofahrer sind dort gewohnt, beim Einbiegen genau zu schauen, weil sie immer mit Velofahrenden rechnen müssen. Diese Selbstverständlichkeit fehlt mir hier teilweise.

Und die Velofahrenden selbst?

Da muss ich ehrlich sein: Wir sind auch nicht immer ganz brav unterwegs. (lacht) Ich glaube, alle, die am Strassenverkehr teilnehmen, müssen ein bisschen aufeinander aufpassen, damit jeder Freude an seinem Weg hat.  

Stichwort E-Bike – wäre das nicht eine bequeme Variante für dich? 

Viele sind ja inzwischen auf E-Bikes umgestiegen, damit sie nicht verschwitzt im Büro ankommen. Ich habe für mich aber genau den umgekehrten Weg gewählt. Weil mein Arbeitsweg kurz ist, bin ich wieder auf ein sogenanntes Bio-Bike umgestiegen Da kommt einfach ein bisschen mehr für die Muskulatur und die Gesundheit dabei raus. Für längere Strecken oder im Velo-Urlaub finde ich ein E-Bike aber super – das macht Distanzen erst möglich, die man sonst gar nicht in Angriff nehmen würde. 

Wie reagiert dein Arbeitsumfeld darauf, dass du mit dem Velo kommst? 

Sehr positiv. Wir haben eine sehr sportliche Gruppe, einige sind zum Beispiel im Triathlon aktiv. Da wird es ausgesprochen gerne gesehen, wenn man mit dem Velo kommt – inzwischen kommen ein paar mehr Kolleg:innen so zur Arbeit. Manche nehmen tatsächlich lange Strecken auf sich. Bei der Geschäftsleitung kommt das gut an. Generell haben wir als Familie auch sonst viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht – mit Zug und Bus in die Ferien. Das passt für uns einfach zusammen. 

Du hast die Velo-Reisen schon mehrfach erwähnt. Sind das mittlerweile deine Lieblingsferien? 

Ganz klar, ja. Das sind tatsächlich meine Lieblingsferien geworden – mit dem Fahrrad unterwegs zu sein und die Orte in diesem Tempo zu erkunden. Man sieht die Landschaft anders, kommt mit Menschen ins Gespräch, hält dort an, wo es schön ist. Das ist einfach eine andere Art zu reisen. 

Was würdest du jemandem mitgeben, der überlegt, vom Auto aufs Velo umzusteigen? 

Einfach tun. Es ist sicher nicht immer lustig, wenn es kalt, nass ist oder Schnee fällt. Aber es ist machbar, und es ist echt nicht kompliziert. Ich glaube, dass es mittlerweile so viele Menschen gibt, die mit dem Velo den Alltag bewältigen und dabei auch die Hürden in Kauf nehmen. Wir sind sehr viele. Man ist Teil von etwas Grösserem – und das steigert nicht nur die eigene Motivation, sondern lädt auch andere zum Umdenken ein. Wenn man merkt: So viele machen das tatsächlich – warum sollte ich es nicht auch versuchen? 

Judith, vielen Dank für das Gespräch. 

Sehr gerne.