Philipp, erzähl uns was von dir?
Ich bin der Philipp Fellner, bin IT-Leiter bei swissQprint und geniesse seit einigen Monaten das Fahrradpendeln. Ich habe vor 15 Jahren in der IT angefangen, mein Arbeitgeber war in Romanshorn. Dorthin bin ich immer mit dem Auto gependelt. Seit acht Monaten bin ich nun bei swissQprint. Die Firma liegt direkt über der Grenze und nur wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Seitdem bin ich mit dem Fahrrad unterwegs.
Das heißt, du hast einen ziemlich radikalen Wechsel hinter dir. Wie kam es dazu, dass du auf das Velo umgestiegen bist?
Der Auslöser war tatsächlich der Firmenwechsel. Wir haben uns zu Hause überlegt: Wenn der neue Arbeitsplatz so nahe liegt, brauchen wir eigentlich gar kein zweites Auto mehr. Wir wollten schauen, ob wir mit nur einem Auto auskommen, also haben wir es verkauft. Jetzt hat meine Frau das Auto und ist damit mit den Kindern unterwegs. Insofern bin ich jetzt im wahrsten Sinne des Wortes ein bisschen gezwungen, mit dem Fahrrad zu fahren – bei Wind und Wetter.
Wie lange brauchst du denn jetzt zur Arbeit?
Mit dem Fahrrad bin ich mit Rückenwind in fünf Minuten in der Firma. Wenn ich Gegenwind habe, brauche ich sechs Minuten. (lacht)
Wie schaut das im Vergleich zu früher aus, als du noch nach Romanshorn gependelt bist?
Das waren rund 80 bis 90 Kilometer hin und zurück, also etwa anderthalb Stunden im Auto pro Tag. Das ist ziemlich viel Lebenszeit, die ich auf der Strasse verbracht habe. Jetzt habe ich diese anderthalb Stunden gegen eine Viertelstunde Fahrradfahren eingetauscht. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Was empfindest du als den grössten Vorteil am Velopendeln?
Ich stehe nicht mehr im Stau. Der Verkehr hat sich hier in den letzten Monaten enorm entwickelt, es ist extrem viel geworden. Im Auto sitzt du da, musst anfahren, stoppen, anfahren, stoppen – das ist eine Katastrophe, das zehrt an den Nerven. Auf dem Fahrrad fliesse ich am Verkehr vorbei, und nach der Brücke lasse ich mich eigentlich nur noch abwärtsrollen. Da ist es ziemlich egal, wie die Strasse beschaffen ist oder wie viel Verkehr herrscht.
Du lächelst, wenn du davon erzählst. Hat sich das Velopendeln auf dein Wohlbefinden ausgewirkt?
Man ist schon ganz anders gelaunt, wenn man nicht im Verkehr stehen und warten muss. Das merkt man im ganzen Tagesablauf. Selbst wenn es regnet, kommt man eigentlich erfrischt an. Vielleicht nicht ganz so trocken wie bei Sonnenschein (lacht), aber man hat am Morgen schon etwas getan, man hat gleich eine Portion frische Luft gekriegt, die man sonst vielleicht gar nicht bekommt.
Spürst du diese Veränderung auch körperlich?
Definitiv. Ich habe ja eine grösstenteils sitzende Tätigkeit, bin in der IT nicht so viel zu Fuss unterwegs und habe beruflich kaum frische Luft. Darum tut die Portion frische Luft am Morgen und am Abend extrem gut. Die Lebensqualität hat enorm zugenommen – vom Pendler zum Fünf-Minuten-Biker, das ist wirklich eine andere Welt.
Du fährst täglich über die Grenze. Wie erlebst du den Übergang als Velofahrer?
Der Weg ist wirklich überschaubar. Die einzige Verbesserungsmöglichkeit, die ich sehe, ist die Brücke: Wir haben dort nur einen Fahrradstreifen. Das kann mitunter eng werden, wenn jemand mit dem Kinderanhänger oder anderen Velofahrer:innen entgegenkommt. Was zusätzlich ein bisschen suboptimal ist, sind die Pferdeäpfel, die in beträchtlicher Menge auf der Strasse liegen. Denen muss man ausweichen – und wenn dann gerade Verkehr auf dem Fahrradstreifen ist, musst du auf die Strasse hinaus. Das ist nicht immer ungefährlich.
Und der Übergang am Zollamt selbst?
Den finde ich ein wenig kritisch. Es ist nicht wirklich angeschrieben, wo Fahrradfahrer:innen eigentlich genau hin sollen. Es gibt keinen Zebrastreifen. Sie haben jetzt zwar eine Aufpflasterung für die Autofahrer:innen gebaut, damit die langsamer fahren, aber es gibt keinen beschilderten Weg für Radfahrer:innen – und auch keinen klassischen Zebrastreifen, bei dem die Autofahrer:innen von vornherein darauf achten würden. Da muss man als Radler einfach gut links und rechts schauen.
Du hast bisher viel Positives erzählt. Gibt es sonst noch Stresssituationen?
Eigentlich nicht. Ich fliesse meistens ziemlich relaxed über die Brücke nach Hause, am Verkehr vorbei. Es ist immer sehr entspannt. Es sind auch nicht so viele Velofahrer:innen oder Fussgänger:innen am Morgen oder am Abend dort unterwegs, die die Grenze überqueren. Insofern: Es gibt aktuell nichts wirklich Anstrengendes – und das darf gerne so bleiben.
Was machst du eigentlich mit der Zeit, die du jetzt im Vergleich zu früher gewonnen hast?
Diese gewonnene Zeit fliesst direkt zurück in die Familie. Und wenn man so nahe an der Arbeit wohnt und das Fahrrad ohnehin immer einsatzbereit ist, animiert das auch dazu, am Wochenende einen Ausflug zu machen. Wir haben zwei kleine Kinder, wir sind sowieso viel draussen unterwegs und jetzt noch mehr.
Hat sich die Umstellung auch finanziell bemerkbar gemacht?
Ja! Ohne Zweitauto sparen wir uns die Versicherung, die Werkstatt, die Reifen, den Treibstoff, das ganze Drumherum. Und mein Spotify-Abo rentiert sich auch nicht mehr. (lacht) Früher habe ich auf der Pendelstrecke relativ viele Hörbücher und viel Musik gehört. Jetzt lohnt sich das nicht mehr.
Würdest du dich selbst als Veloprofi bezeichnen?
Auf keinen Fall. (lacht) Früher bin ich sehr oft Mountainbiken gegangen, aber das ist schon länger her. Ich fahre trotzdem gerne Fahrrad, bin aber definitiv kein Profi.
Wo siehst du die Grenze des Machbaren beim Velopendeln?
Wenn es deutlich mehr als 20 oder 30 Kilometer sind, würde ich es mir mit einem klassischen Bio-Bike, also einem unmotorisierten Rad, schon zweimal überlegen. Da spielt das E-Bike heute natürlich eine grosse Rolle – das macht solche Distanzen für viele Menschen erst alltagstauglich. Aber für die kurzen Strecken im Ort braucht es das gar nicht. Da reicht ein normales Velo völlig aus.
Und mit welchem Velo fährst du?
Mein Fahrrad ist 24 Jahre alt – und hält sich erstaunlich gut. Da kann man sich natürlich fragen, warum es noch in so gutem Zustand ist. (lacht) Jedenfalls tut es jetzt noch sehr gute Dienste. Es zeigt aber auch: Man muss nicht das neueste, teuerste Gerät haben, um regelmässig zur Arbeit zu radeln.
Welche Ausrüstung würdest du als unverzichtbar bezeichnen?
Den Helm! Das bringe ich auch meinen Kindern bei. Sie verabschieden mich am Morgen und wenn ich den Helm dann nicht aufgesetzt habe, bekomme ich gleich die freundliche Info: „Papa, Helm anziehen.“ (lacht) Helm ist Pflicht. Dann natürlich Regensachen, die sind ganz wichtig. Und vor allem – das ist mir besonders wichtig –, dass man sichtbar ist. Gerade in der Herbst- und Winterzeit, wenn es früh dunkel wird, sieht man so viele Velofahrer:innen ohne Licht und ohne Reflektoren. Irgendwelche reflektierenden Sachen, eine Warnweste, etwas Helles – das hilft einfach allen, auch den Autofahrer:innen. Ich war selbst lange genug Autofahrer, darum weiss ich, wie leicht Velofahrernde übersehen werden.
Gibt es seitens des Arbeitgebers spezielle Angebote für Velopendler?
Bei uns gibt es einen Fahrradständer, das ist das Wichtigste (lacht). Bei einem so sportlichen Team ist es ohnehin selbstverständlich, dass viele mit dem Velo oder Rennrad kommen.
Was würdest du Menschen mitgeben, die mit dem Gedanken spielen, vom Auto aufs Velo umzusteigen?
Man tut sich selbst etwas Gutes, man tut der Gesundheit etwas Gutes, man tut der Umwelt etwas Gutes. Ich kann es nur jedem empfehlen, der grenznah oder generell in der Nähe seines Arbeitsplatzes wohnt. Das Fahrrad ist in dieser Situation sicher die beste Alternative. Man hat danach ein anderes Lebensgefühl. Man kommt nicht mehr gehetzt, gestresst und genervt im Büro an, sondern wach, bewegt und ist schon ein bisschen draussen gewesen. Am Abend ist man genauso schnell wieder zu Hause. Diese Lebensqualität gebe ich nicht mehr her. Mehr brauche ich eigentlich gar nicht zu sagen – probiert es einfach aus.
Philipp, vielen Dank für das Gespräch.
Sehr gerne.